"Es ist besser mit Gott zu sprechen als über ihn."
Das Vaterunser - eine Schule des Gebets
Der heutige Abendgottesdienst in St. Michael stand ganz unter dem Zeichen des Gebets. Zu diesem Zweck kamen in der Messe auch Meister und Meisterinnen des Gebets zur Sprache. Diese wurden dann am Schluß auf einem Zettel an die Gottesdienstbesucher verteilt. In seiner Predigt wies Kaplan Watzek daraufhin, dass Beten immer ein Beziehungsgeschehen ist. Der Beter/die Beterin begibt sich als Sohn oder Tochter in die Gegenwart Gottes. Hier berühren sich Himmel und Erde. Der Beter bringt sich und seine Wirklichkeit in die göttliche Gegenwart. Die Beziehung zu Gott verwandelt den Menschen, wenn er sich darauf einlässt. So wird er dann aus der Gegenwart Gottes heraus in dieser Welt leben. Die beste Schule des Gebets aber bleibt das Gebet selbst. Oder mit den Worten von Terésè von Lisieux: "Es ist besser mit Gott zu reden als über ihn."
Hélder Câmara:
Gott ist überall.
Tag und Nacht sind wir eingetaucht in Gott. Wenn wir uns bewegen, wenn wir
sprechen, wenn wir leben, immer sind wir in ihm. Aber Gott ist auch in uns. Wie
herrlich ist es doch, die Natur in ihrer ganzen Fülle zu betrachten und sich
dann mit dem Schöpfer, der in uns ist, zu unterhalten – nicht mit Worten,
sondern einfach in Gedanken. Im Gebet öffnet sich – unter dem Beistand Gottes –
unser Herz immer mehr bis hin zur Weite des Herzens Christi.
Meister Eckhart:
Soviel die Seele in
Gott ruht, soviel ruht Gott in ihr; ruht sie nur ein Teil in ihm, so ruht auch
er nur ein Teil in ihr; ruht sie ganz und gar in ihm, so ruht auch er ganz und
gar in ihr.
Franz von Sales:
Wenn dein Herz
wandert oder leidet, bring es behutsam an seinen Platz zurück und versetze es
sanft in die Gegenwart Gottes. Und selbst wenn du nichts getan hast in deinem
ganzen Leben, außer dein Herz zurückzubringen und wieder in die Gegenwart
Gottes zu versetzen, obwohl es jedesmal wieder fortlief, nachdem du es
zurückgeholt hattest, dann hat sich dein Leben wohl erfüllt.
Teresa von Avila:
Das Gebet ist
meiner Ansicht nach nichts anderes als ein Gespräch mit einem Freund, mit dem
wir oft und gern allein zusammenkommen, um mit ihm zu reden, weil er uns liebt.
Alberto Hurtado SJ:
Diejenigen, welche
sich um ein geistliches Leben bemühen, sind nicht viele; und
bedauerns-werterweise sind unter ihnen nicht viele auf dem sicheren Weg. Wie
viele meditieren seit Jahren ohne irgendeinen großen Gewinn daraus zu ziehen!
Wie viele, die stur einer Metho-de als dem Heiligen Geist folgen! Wie viele
wollen buchstäblich diesen oder den anderen Heiligen imitieren, deren Praktiken
wiederholen, deren Gebete neu aufleben lassen. Wie viele erstreben
außergewöhnliche Zustände, das Wunderbare, die fühlbaren Gnaden! Wie viele
vergessen, dass sie Teil einer verwundeten Menschheit sind und sie errichten
sich eine egoistische Religion, welche sich nicht an ihre Brüder und Schwestern
erinnert! Andere wiederum verwechseln das geistliche Leben mit
Frömmigkeitsübungen: geistliche Lektüre, Gebet, Gewissensrechenschaft. Das
aktive Leben ist nicht mehr als ein Anhängsel, das hinzugefügt wird, aber nicht
eine Verlängerung noch eine Vorbereitung ihres inneren Lebens. Die Sorgen ihres
alltäglichen Lebens, die Schwierigkeiten, welche sie überwinden müssen, ihre
Pflichten werden aus dem Gebet herausgelassen: es erscheint ihnen unwürdig,
Gott mit solchen Banalitäten zu vermischen. So schmieden sie sich ein
kompliziertes und künstliches geistliches Leben.
Eine gesunde
Spiritualität misst den geistlichen Methoden ihre relative Gewichtigkeit zu,
überhöht sie aber nicht, wie einige es meinen tun zu müssen. Ein gesundes
geistliches Leben ist ein solches, da sich den Einzelnen anpasst, und ihre Persönlichkeit
respektiert. Sie passt sich an die Temperamente an, an die Erziehung, Kultur,
Erfahrungen, Mittel, Situation, Umstände, … Sie nimmt einen jeden, wie er ist,
im vollen menschlichen Leben, in voller Versuchung, in voller Arbeit, in der
vollen Pflicht. Der Geist, der immer
weht, ohne dass jemand weiß, woher er kommt und wohin er geht, bedient sich
eines jeden seiner göttlichen Ziele. Dabei respektiert er aber die persönliche
Entwicklung in der Errichtung des großen gemeinsamen Baus, welches die Kirche
ist. Die einzige Spiritualität, welche zu uns passt, ist diejenige, welche uns
in den göttlichen Plan einführt – gemäß meiner Möglichkeiten – und diesen Plan
in vollem Gehorsam auszuführen. Jede zu starre Methode, jede zu endgültige
Leitung, jeder Ersatz des Geistes durch den Buchstaben, jedes Vergessen unserer
individuellen Wirklichkeiten, erreichen nichts anderes als den Elan unseres
Wegs hin zu Gott zu verringern.
Madeleine Delbrêl:
Wenn ein Christ
weiß, dass er an bestimmten Orten beten soll - Jesus betete im Tempel -, so
soll er auch wissen, dass er überall beten kann. Das zuerst von uns geforderte
Gebet ist ein Opfer. Es ist ein Entzug an Zeit mit dem einzigen Sinn, Gott
dargeboten zu werden. Dieser Aspekt des Gebets ist für uns entscheidend wichtig,
denn er ist in unserem täglichen Leben die Erinnerung, die Verwirklichung jener
Zugehörigkeit zu Gott, die wir gewählt zu haben behaupten. Von diesem
Gesichtspunkt aus heißt beten: Gott den Vorzug geben. Es heißt auch, die Andern
ungeheuchelt lieben; denn Gott bräuchte unsere Opfer nicht -das Opfer, das wir
im Gebet werden sollen -, wenn keinerlei Erlösung nötig wäre.
25.07.2010
