Kirchenführer Sankt Michael

Der Kirchenraum

Sankt Michael innen

Wie baut man heute Kirchen? Wie soll unsere Kirche werden? Was für eine Kirche brauchen Gläubige, Suchende und Ungläubige heute? Diesen Fragen stellten sich die Verantwortlichen der Gemeinde, als 2014 durch großes Engagement des Bistums eine Kernsanierung von Sankt Michael machbar wurde.

Der Raum und seine Zeit

Im 30-jährigen Krieg baute man in Deutschland Barockkirchen. In einem Land ohne Farben und Musik, voller Leid und Trostlosigkeit sollten die Menschen wenigstens einmal in der Woche einen Blick in den Himmel werfen: Die biblischen Bilder an der Wand betrachten, festliche Orgelmusik hören, Weihrauch riechen – Himmel mit allen Sinnen erfahren um dann wieder Kraft für den Alltag zu haben.

Münster Unserer Lieben Frau in Lindau am Bodensee

Münster Unserer Lieben Frau in Lindau am Bodensee

Studierendenmetropole Göttingen

Aber unser heutiges Göttingen ist keine vom Krieg und Elend geprägte Stadt – es ist eine quirlige Studierendenmetropole mit vielen Geschäften, Theater, Kino! Welche Kirche braucht das Göttingen von heute? Unsere Antwort kann nicht die der Barockzeit sein. Wir brauchen heute eine Kirche anderer Art …

Himmel und Erde

Unser Kirchenraum ist ebenfalls ein Kontrastraum. Draußen ist das bunte und laute Göttingen mit seinen vielen Angeboten – drinnen ist Stille und Einfachheit! Der Besucher – ob gläubig oder nicht – soll abschalten und zu sich kommen können. Er soll sich mit dem Wesentlichen verbinden können. Deswegen haben sich die Architekten auf wenige, aber wesentliche Dinge limitiert und konzentriert. Der Besucher steht auf armenischen Lava-Basalt aus dem Inneren der Erde. Irdischer geht’s kaum mehr! Der Betrachter soll mit beiden Beinen auf dieser Erde stehen.

Lavabasalt

Kraft von Oben

Aber er ragt immer auch hinein in den Himmel – dargestellt durch den celestialen Alabaster in den Fensternischen und vorne. Er und sie holen sich die Kraft von Oben, um dann wieder draußen ihren Mann und ihre Frau stehen zu können!

Alabaster

Der abstrakte Raum spiegelt das Glaubensempfinden vieler moderner Menschen wieder. Früher schien die Welt auch in religiöser Hinsicht klarer zu sein: Weihnachten wir so gefeiert und Allerheiligen so! Für Problem X war der Heilige Y zuständig! An Sankt Blasius bekam man einen Segen gegen Erkältungskrankheiten und an Maria Himmelfahrt weihte man Kräuter. Wer einen Parkplatz brauchte, betet zum heiligen Antonius … Viele Menschen, Gläubige und Ungläubige, haben diese Klarheit nicht (mehr). Alles ist blasser, unklarer, diffuser geworden – wie der Raum dieser Kirche! Er soll den zeitgenössischen Besucher in Empfang nehmen.

Inmitten der Diffusität gibt es drei Figurenzentren, die vom abstrakten Hintergrund aus umso deutlicher hervorleuchten:

Alabaster

Marienkapelle

Die Marienkapelle ist ein halboffener Raum. Er schenkt Geborgenheit und ist nicht abgeschlossen. Die Kerzenwand ist praktisch immer erleuchtet. Von morgens bis abends kommen Fromme und Zweifelnde, Christen und Muslime, Großeltern und Enkel, Studierende und Touristen um wortlos oder mit einem stillen Gebet ihre Sorge mit der Gottesmutter zu teilen. In das ausliegende Fürbittbuch kann man seine Gebetsanliegen schreiben.

  • Gestaltung: P. Abraham Fischer OSB, Meschede
  • Ikone: Geschenk von Pfr. Franz Leenders

Studentin, Philosophin, Jüdin …

Gleich beim Hereintreten in die Kirche stößt man auf die Statue unserer Edith Stein Figur. In den 1930er Jahren hat sie in Göttingen studiert. Als Akademikerin und Jüdin hatte sie es doppelt schwer. An Weihnachten wollte die damalige Agnostikerin unsere Kirche aufsuchen – sie war leider verschlossen. Seit dem ist unsere Kirche tagsüber geöffnet. Edith Stein steht hinten in der Kirche.

… Atheistin, Christin, Nonne

Die Figur von Peter Marggraf ist grob gearbeitet. Ist sie schön? Müssen Heilige schön sein? Die Nazis sind mit dieser Frau grob umgegangen und haben sie zuletzt im Konzentrationslager ermordet. Inzwischen zur Christin und Nonne geworden schaut Edith von hinten auf das große Altarkreuz. Sie heißt jetzt Teresia vom Kreuz.

Im Blick auf das Kreuz findet sie die Kraft ihr Kreuz zu tragen, das sie mit ihrem Körper abbildet. Die gleichsam mit Wundschorf überzogene Figur hat eine Auferstehungszone – das Gesicht! Teresia schaut schon hinter das Leid … Möge der Betrachter beim Blick auf Edith / Teresia ermutigt werden, seinerseits im Schauen auf den Gekreuzigten schlechthin Hoffnung zu schöpfen. Unsere Heilige ist Platzhalterin für alle leidenden Menschen!

Das Altarkreuz

Im Zentrum hängt das Altarkreuz. Es ist aus vergoldeten Messing und Glas gestaltet und symbolisch offen. Man kann in ihm den gekreuzigten und auferstandenen Jesus Christus sehen, aber auch das himmlische Jerusalem mit seinen je drei Toren im Norden, Osten, Süden und Westen. In der Mitte mag man Christus, den Morgenstern, erkennen und um ihn seine 12 Apostel. Oder sind es die 12 Stämme Israels? Das Altarkreuz schreibt nichts vor und lässt vieles in sich entdecken.

Der Auferstehende*

Der abstrakte Raum bildet gut den zeitgenössischen abstrakten Glauben ab. Der (Un-)Gläubige soll sich so vom Raum verstanden wissen. Aber diese Kirche möchte bei aller Unklarheit und Diffusität auch eine Überzeugung vermitteln: Es geht um den menschgewordenen, gekreuzigten und auferstandenen Jesus Christus, wie er im Vortragekreuz dargestellt ist. Er ist die Lichtgestalt, von der in den Gottesdiensten erzählt und gesungen wird. Gott ist in unsere Abstraktheit hereingekommen (Inkarnation), hat das Leid angenommen (Erlösung) und das Tor zum Leben mit seiner Auferstehung aufgestoßen. Das ist die positive Aussage dieser Kirche – weniger nicht!

* nur bei einigen Gottesdiensten sichtbar

Taufbecken und Kirchbänke

Das Taufbecken bildet eine Art Mitte der Kirche. Es kann von oben beleuchtet werden. Hier finden regelmäßig Taufgottesdienste statt. Die Taufgesellschaften nehmen oft in den hinteren Sitzblöcken Platz und haben so gute Sicht auf das Geschehen.

Die Kirchenbänke sind weiß und bequem. 170 Erwachsene finden darauf Platz – Kinder viel mehr! Zu Festzeiten oder besonderen Anlässen wird zusätzlich bestuhlt. Das kombinierte System erlaubt Stabilität und Flexibilität gleichermaßen.

Beichtgelegenheit

Hinten im Raum gibt es Beichtgelegenheit. Der Beichtende hat die Wahl zwischen einer anonymen Ohrenbeichte (rechter Eingang) oder einem Beichtgespräch (linker Eingang) wo sich Beichtender und Priester gegenüber sitzen um gemeinsam sein Leben und seine Probleme anzuschauen.

Kruzifix

Der älteste Kunstgegenstand ist das alte Kruzifix, das je nach Jahreszeit durch die Kirche „wandert“. Es stammt aus dem 16. Jahrhundert und gehört schon seit über 200 Jahren zum festen Bestand unserer Kirche.

Orgel

Orgel innen (Detail)

Die wuchtige Orgel ist dezent in den Raum eingebaut. Sie wurde von der Firma Eisenbarth in Passau 1989 errichtet und wird von der Empore gespielt.

Detailierte Informationen zur Orgel auf der Seite: Die Orgel von St. Michael 

Altarinsel

Der Marmor der Altarinsel stammt aus Carrara in Italien. Die Insel ist weit ins Kirchenschiff hineingerückt. Ambo und Altar bilden die Pole, um die alle Gottesdienste kreisen. Auf der Altarzunge finden sich der Osterleuchter und drei weitere Kerzenständer.

In der Alabasterwand ist dezent der Zugang zum Tabernakel angedeutet, der freilich von hinten bedient wird. So wird der Raum hinter der Wand zum Allerheiligsten. Der sich offenbarende Gott ist und bleibt der geheimnisvolle, erhabene, heilige Gott! Das rote ewige Licht erinnert an die dauernde Präsenz Gottes.

An den Eingängen gibt es Schalen mit Weihwasser. Wer dieses mit nach Hause nehmen möchte, kann sich ein Fläschchen beim Orgelaufgang abzapfen.

In das Fürbittbuch kann man seine Sorgen schreiben.

Im Windfang liegt der wöchentlich erscheinende PFARRBRIEF (online unter Aktuelles) aus, sowie weitere Schriften und Flyer aus dem Leben der Gemeinde, der hier pastoral tätigen Jesuiten und der Stadt Göttingen.

Wir bedanken uns besonders bei:

Soan-Architekten, Bochum
(Konzeption und Gestaltung)

P. Abraham Fischer OSB / Kloster Meschede
(Schmiedearbeiten, Marienkapelle, Altarkreuz)

Peter Marggraf
(Edith Stein Figur)

Tobias Haseidl
(Vortragekreuz)