Atempause. Kleiner Impuls zum Luftholen.

Für die Erste Fastenwoche

Berührt sein

Durch seine Menschwerdung in Christus ist Gott unmittelbar, also direkt und nicht durch Dritte vermittelt, bleibend mit uns in Verbindung getreten.

Das klingt auf den ersten Blick klobig und wenig fassbar. Was bedeutet das eigentlich genau, „unmittelbare und bleibende Verbindung mit Gott“? Davon merke ich persönlich doch meist nichts, und ein Blick in die allabendlichen Nachrichten lässt mich manchmal glauben, dass die ganze Welt davon nichts merkt.

Es bedeutet, dass Gott immer da ist.

Unweigerlich stellt sich mir die Frage: „Wie, immer da? Bei all dem Elend und Leid? Warum tut er dann nichts?“

Dass Gott immer da ist, bedeutet nicht, dass Gott uns wie Marionetten lenkt, eingreift und korrigiert. Gott hat uns als freie Wesen mit einem freien Willen und freier Entscheidung geschaffen.

Naja, seien wir mal ehrlich: Wir wünschen uns zwar oft ein Signal, eine Berührung Gottes, aber sind wir dazu überhaupt bereit? Was würde passieren, wenn Christus plötzlich neben uns steht und sagt: „Hallo, hier bin ich. Dann weißt du ja jetzt Bescheid, mach was draus!“

Dass Gott immer da ist bedeutet, dass er sich jederzeit von uns berühren lässt, wenn nur auch wir dazu bereit sind.

Ich denke, genau das ist es, was die Heiligen ausgemacht hat. Sie waren bereit für die Berührung mit Gott, Stück für Stück. Zunächst vielleicht sogar unbemerkt, berührt durch die Liebe (Caritas) zu anderen Menschen, ihren Nächsten und dann immer bewusster.

Ich denke, unser Bild der Heiligen ist oft von einer Verklärung und Überhöhung geprägt, was sie in unserer Wahrnehmung engelsgleich und damit unerreichbar für uns macht. Dabei waren Heilige doch auch Menschen mit Schwächen, Zweifeln sowie inneren und äußeren Konflikten, genau wie Du und ich. Genau wie Du und ich waren sie anfänglich auch immer wieder gelähmt durch das Gefühl, dass man sich und die Welt doch nicht ändern kann.

Als ein Beispiel möchte ich Mutter Teresa nennen. Man hat ihr oft vorgeworfen, dass sie den Armen in Kalkutta keine ausreichende medizinische Versorgung bieten würde. Das mag stimmen und entspringt unserer „Alles oder nichts“-Vorstellung. Sicherlich hat auch Mutter Teresa erkannt, dass sie und ihr Orden alleine die Welt nicht ändern können. Sie hat sicher auch erkannt, dass sie eine hinreichende Versorgung nicht einmal für die ihr anvertrauten Menschen gewährleisten kann. Sie hat sich dennoch entschlossen, das zu tun, was sie kann: Diesen Menschen im Leben und Sterben Liebe und Würde zurückzugeben. Großartig! Über diese Menschen hat Mutter Teresa Christus berührt, hat Christus Mutter Teresa berührt.

Auch als „die ganze Welt“ das schon bemerkt hatte, hat Mutter Teresa – wie ihre Briefe vermuten lassen – noch gezweifelt. Dieses Gefühl der Berührung ist nämlich vergänglich. Die gewalttätige Welt reißt uns zurück und wir müssen uns neu zur Berührung aufraffen. Ich erinnere mich an Momente, in denen ich mich berührt gefühlt habe, in denen ich einen kurzen Augenblick geglaubt habe, für mein Leben und vielleicht sogar für die Welt klar zu sehen.

Viele von Ihnen dürften ähnliche Erlebnisse und Erinnerungen haben. Diese Momente sind aber flüchtig. Übrig bleibt aber eine Sehnsucht nach Gott. Ich denke, die liebenden Heiligen hat diese Sehnsucht weitergetragen und zu ihrem Handeln motiviert.

Wie steht es nun um uns? Vielleicht können wir die Fastenzeit als Chance annehmen und kleine Vorsätze fassen: Gerade die Corona-Pandemie hat die soziale „Vereisung“ verschlimmert, wenn ich ehrlich bin auch bei mir selbst. Vielleicht können wir in der kommenden Woche – und vielleicht auch darüber hinaus – versuchen, anderen Menschen ein Lächeln zu schenken und ihnen offen und unvoreingenommen zu begegnen?

Vielleicht können wir einen kleinen Dienst an den Menschen tun: Wie am Anfang der Pandemie einer gefährdeten Person einen Einkauf abnehmen? Helfen, die komplizierte Impfanmeldung zu organisieren? Einen Empfangsdienst in der Kirche übernehmen, um weiterhin sichere Gottesdienste zu ermöglichen? Möglichkeiten gibt es viele!

Wichtig ist, dass wir uns nicht gleich überfordern. Auch kleine Schritte führen weiter. In dem, was wir dann zurückbekommen, einem „Danke“ oder einem Lächeln, ist sie dann vielleicht plötzlich flüchtig da: Die behutsame Berührung Gottes. Erschrecken wir nicht davor und lassen wir zu, dass die Sehnsucht danach in unser Leben kommt.

Malte Heeg